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Sammeln in der Natur

Die Benutzung der Kastanien

Kastanienbrot, Kleber, Farbstoff, Pottasche, Alkohol, Öl und Kleister – Neben der Verwendung als Waschmittel war die Kastanie schon im Jahre 1854 für ihre vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten bekannt. Viele dieser Nutzungsarten sind in Vergessenheit geraten. Daher soll der nachfolgende Artikel eine Übersicht über damalige Nutzungsmöglichkeiten bieten. Manche Verfahren könnten nicht mehr den heutigen Standards entsprechen, daher ist der nachfolgende Artikel nicht als Anleitung, sondern als historisches Literaturstudium zu verstehen.

Die Benutzung der Kastanien.
Aus: Die Ausbeute der Natur, oder praktische Anweisung, die Naturkräfte aufs Leben anzuwenden zum reichsten Segen für Jedermann, ganz besonders in Zeiten der Noth. 1854.

„Eine Kastanie ist in Betracht ihrer nährenden Eigenschaft einer Kartoffel an Werth gleich, und zwei Kastanienbäume sind so viel werth, als mehrere Kartoffelbeete.“ Flandin.

An sehr vielen Orten gibt es nicht unbedeutende Kastanienanlagen, die Früchte selbst aber werden von den Kindern herabgeschlagen und zum Spielwerk benutzt. An eine zweckmäßige Verwendung wird nur selten gedacht und dennoch lassen sich diese Roßkastanien mannigfach benutzen.

1) Bereitung des Kastanienbrotes.

Nach dem Hohenheimer Wochenblatt werden reife Roßkastanien geschält und in Würfel geschnitten, dann gedörrt und sofort in die Mühle gebracht. Das daraus erhaltene Mehl wird auf folgende Weise gereinigt: 1 Simri*) Mehl thut man in einen Zuber **), gießt 4 Simri Wasser daran, rührt solches durcheinander, lässt es dann 8 Stunden strehen und wiederholt, nachdem man das Wasser abgegossen hat, dieses Abschwemmen 9 bis 10 mal, wobei das Wasser jedesmal 8 Stunden stehen bleiben muss. Das auf diese Art behandelte MEhl ist nun von dem vorher darin enthaltenen Bitterstoff befreit, wird dann in ein Tuch gethan, damit die Flüssigkeit vollends abläuft, und auf die gewöhnliche Weise verbacken. Nimmt man zu 1 Simri Kastanienmehl 1 Simri Kornmehl, so wird man ein sehr gutes gesundes Brot erhalten; doch kann auch schon aus 3 Teilen Kastanien- und 1 Teil Kornmehl ein gutes Brot bereitet werden.

Der Museumsbibliothekar Pichler in Salzburg hat auch einen Versuch mit Kastanienbrot gemacht und dazu die Hälfte gewöhnliches Kornmehl und die Hälfte entbittertes Kastanienmehl genommen.

2) Spiritus aus Rosskastanien.

Nach der Leipziger Zeitung von 1847 hat der Proviantverwalter Bochmann in Bautzen mit großem Erfolge Roßkastanien zur Darstellung von Spiritus verwendet. Bei zweimaligem Brennen kleiner Quantitäten â 11 Metzen Roßkastanien erlangte er jedes mal 24 Kannen Branntwein zu 27″ Tralles (mithin den Scheffel = 35 Kannen) von krystallheller Farbe, ohne Spur von Fusel, in Geschmack und Geruch dem aus Roggen gebrannten täuschend ähnlich, und der nach einmaligem Destillieren erlangte Spiritus zu 78° Tralles war nach der Aussage Sachverständiger vorzüglich zu nennen. Berücksichtigt man, dass diese Versuche aus einem Apparat erfolgten, welcher nie zum Brennen gebraucht wird, daher Maischebottiche, Vorrichtungen zum Dämpfen der Früchte, Quetschmaschine und Maischwanne nicht vorhanden sein konnten, so ist mit Bestimmtheit vorauszusetzen, dass in großen Brennereien bei allen diesen vorteilhaften Einrichtungen der Alkoholertrag wesentlich reicher ausfallen muss. Das Spüllicht, welches hierbei erlangt wurde, hatte einen kräftigen guten Geruch und einen zwar bitterlich-säuerlichen Geschmack, wurde aber von dem Viehe mit Appetit verzehrt, auch scheuerte es kupfernes Geschirr sehr bald rein und glänzend. Es ist übrigens diese Art der Benutzung der Roßkastanien durchaus nichts Neues. Schon im Jahre 1810 gibt Döbereiner und vor ihm schon Hermbstädt Mitteilungen darüber, nach denen die Roßkastanien ein vorzügliches Material zum Branntweinbrennen darbieten. Es wurde nach angestellten Versuchen aus 70 Pfund Roßkastanienmehl 24 Pfund d.i. 10 2/3 Berliner Quart Branntwein gezogen, die 36 Prozent Alkohol enthielten.

Demnach ist also ein Scheffel Roßkastanien, wenn sie zur Branntweinbrennerei verarbeitet werden, so viel werth als 3/4 Scheffel Roggen, 1/2 Scheffel Weizen, 7/8 Scheffel Gerste und 1 1/2 Scheffel Kartoffeln.

Dobereiner fügt überdies die Bemerkung noch hinzu, dass es besser sei, die Roßkastanien zu grobem Mehle zu mahlen als sie blos zu schroten und dieses Mehl mit Wasser kochen zu lassen, um recht viel Branntwein daraus zu gewinnen.

Stärke und Fleckseife aus Kastanien.

Die reifen Kastanien werden geschält und gerieben, dann wird Wasser darauf gegossen und eine Stunde lang tüchtig umgerührt. Darauf tut man den Brei in einen leinenen Sack, lässt unter stetem Rühen noch einmal abseihen. Die feinen Mehlteile, welche durch das Wasser ausgesogen werden, setzen sich in dem Gefäße, in das man die Flüssigkeit hat laufen lassen, und gießt man letztere ab, nachdem sie 24 Stunden über dem Bodensatze gestanden hat, so erhält man die feinste Stärke. Die in dem Sacke gebliebenen gröberen Teile werden zu Pulver gestoßen, woraus dann die schönste Waschkleie entsteht. Fertigt man diese Waschkleie, ohne vorher die Stärke herauszuziehen, so dient sie als Mittel wider Sommersprossen, Leberflecken usw.; auch als Waschwasser für Fabrikarbeiter, die bei ihrer Arbeit notwendigerweise ihre Hände sehr beschmutzen, ist diese Kleie sehr annehmbar.

Im Jahre 1847 wurde dem Kaufmann Pontlarz in Prag für ein Jahr ein Patent erteilt auf die Erfindung, aus ächten und wilden Kastanien Stärke und Stärkemehl zu bereiten, welche weit billiger zu stehen kommt als die bisher aus Kartoffeln erzeugten Produkte. Ebenso kann das Kastanienmehl als Fleckseife zur Vertilgung der Flecken aus Wäsche benutzt werden. Zu diesem Behuse schält und stößt man die reifen Kastanien in einem Mörser und wird das so erzeugte Mehl auf die erwöhnten Flecke gestreut, worauf sie bald verschwinden.

Bericht aus der Ostsee-Zeitung über die Verwendung von Kastanien

Die Ostsee-Zeitung gibt ebenfalls nachstehenden Bericht über die umfangreichere Anpflanzung und Benutzung der Roßkastanie:

Diese so nützliche Baumart, heißt es vorher, verdient der nachstehenden so vielfachen Benutzungsarten halber jedenfalls eine immer ausgedehntere Anpflanzung.

Brotbereitung

Zur Brotbereitung kann das Roßkastanienmehl im Verhältnis von 1/3 zu 2/3 Getreidemehl gemischt werden, wodurch man ein vortreffliches Brot erhält, welches von dem gewöhnlichen fast nicht zu unterscheiden ist.

3 Pfund Mehl geben auch hier wie beim Roggen 4 Pfund Brot. Die Roßkastanien müssen zur Brotbereitung vorher mechanisch von ihren Schalen und der gelben Haut befreit und chemisch von dem Bitterstoffe gereinigt werden. Letzteres geschieht durch Pottasche (ungefähr auf 2 Berl. Scheffel 1 Pfund). Das gereinigte Roßkastanienmehl kann frisch verbacken oder getrocknet aufbewahrt werden.

Stärkebereitung

Zur Stärkebereitung ist die Roßkastanie ebenfalls sehr geeignet, indem sie verhältnißmäßig mehr Stärke als der Weizen enthält. 160 Pfuind enthielten zwischen 30 bis 40 Pfund Stärke.

Die Bereitung der Stärke ist sehr leicht, und empfiehlt sich dieselbe besonders zu Kleister, da sie nicht nur gut leimt, sondern auch wegen ihres Bitterstoffes vor den Insekten schützt.

Branntweinfabrikation

Zur Branntweinfabrikation werden die Roßkastanien ähnlich wie die Kartoffeln behandelt, und man hat unter Umständen aus den Kastanien mehr Prozent wie aus den Kartoffeln gezogen. Die Schlempe wird vom Viehe aber nur entbittert angenommen, daher man beim Einmaischen statt des gewöhnlichen Wassers Kalkwasser anwenden muss.

Viehfutter

Säugetiere und Geflügel fressen die Roßkastanien am liebsten entbittert. Da dies Futter sehr hitzig ist, so muss gleichzeitig nasse Fütterung dabei in Anwendung kommen. Gekocht nähern die Roßkastanien noch weit besser als die Kartoffeln. Zum Aufbewahren muss man sie auf einem luftigen Boden dünn auseinander schütten und gegen Frost sichern; in Erdgruben oder Haufen werden sie leicht multrig und schimmelig. Die geschroteten Kastanien entbittert man mit Kalkwasser oder Lauge, oder stellt sie in einem Korbe odere Fasse 4 bis 8 Tage in fließendes Wasser.

Sonstige Verwendung

Die geriebenen Früchte lassen sich zum Walken, zum Erweichen der Hanffäden und zur Bereitung einer schwarzen Öl- und Wasserfarbe benutzen, sowie sie auch als Waschmittel und zum Ersatz der Mandelkleie dienen; Auch soll sich ein gutes Brennöl aus ihnen bereiten lassen. Die Rinde kann zum Ersatz der Chinarinde dienen, und kommt zur Färberei dem englischen Sepiaextrakte gleich, sowie sie endlich auch ein Surrogat der Galläpfel ist, 100 Pfund Rinde = 8 bis 10 Pfund.

Die grünen Fruchtkapseln könnena auch zur Färberei und Gerberei benutzt werden. 100 Pfund Asche der Kapseln lieferten gegen 38 Pfund reine Pottasche. Ein absud der braunen Schalen gibt für baumwollene Zeuge eine dem ostindischen Nanking ähnliche Farbe. Die Blätter wendet man zum Zurichten der Hüte an; ihre Asche enthält mehr Alkali, als das Laub irgend eines anderes Baumes. Die Blüten werden sehr von den Bienen gesucht. Das Holz ist zart, faserig, nicht so elastisch, aber auch nicht so springbar wie Tannenholz, wird selten von Würmern angegriffen und von Drechslern u.A. ebenso wie Lindenholz geschätzt. Die Kohle ist zur Bereituing des Schießpulvers sehr zu empfehlen.

Anpflanzung von Rosskastanien

Die Rosskastanien werden am besten im Oktober oder November, oder auch im Frühjahr wie im Herbst in zwei Spatenstiche tief gegrabenes Land, in 1 Fuß weit voneinander entfernte Furchen 2 bis 3 Zoll weit auseinander gelegt, und 2 bis 4 Zoll hoch mit Erde bedeckt; während des Sommers müssen sie gut gejätet werden. Im dritten Jahr verpflanzt man den Baum an seinen Bestimmungsort, auf 16 bis 18 Fuß Weite. Der Oberteil darf durchaus nicht verschnitten werden, mit Ausnahme der unregelmäßig gewachsenen Äste. Wenn aber später die starken Äste zu alt und kraftlos werden, so verjüngen sie sich in kurzer Zeit mit außerordentlicher Triebkraft, wenn man sie einstutzt oder abnimmt.

Kastanie als Kartoffelersatrz

In der Umgebung Wiens haben mehrere Landwirte auch Versuche mit der Anpflanzung von echten Kastanienbäumen gemacht, wie solche im Kanton Tessin in der Schweiz ganze Bergrücken bedecken. Die trefflichen Früchte dieser Kastanienbäume vertreten dort die Stelle der Kartoffeln.

Unterm 6. Januar 1850 wurde dem Leutnant Klose in Berlin ein fünfjähriges Privilegium auf ein für neu und eigentümlich erachtetes Verfahren zur Herstellung einer gelben Farbe aus den Rosskastanien erteilt.

Kastanien zur Herstellung von Farbe

Unterm 6. Januar 1850 wurde dem Leutnant Klose in Berlin ein fünfjähriges Privilegium auf ein für neu und eigentümlich erachtetes Verfahren zur Darstellung einer gelben Farbe aus den Roßkastanien erteilt.

Kastanienmehl reinigen

Nach einer französischen Zeitschrift stellte sich nach mehrfachen Versuchen heraus, dass bei der Bereitung von Stärkemehl aus Rosskastanien der Brei auch nach der Behandlung mit kohlesaurem Alkali seine Bitterkeit nicht verloren hatte. Man behandelte hierauf den Kastanienbrei, so wie den Kartoffelbrei bloß mit kaltem Wasser und erhielt ein sehr weißes, ganz geschmackfreies Stärkemehl, welches Zwieback und Suppen gab, welche dem aus Kartoffelstärke bereiteten vorzuziehen waren. Von 100 Teilen frischen Breies erhielt man 19 – 21 Teile trockenes Mehl. Ein vergleichender Versuch mit Kartoffeln ergab nur 11,78 Prozent Stärke. Der Chemiker Flandin bestätigt, dass der Bitterstoff auf obige Weiße entfernt werde, bemerkt aber, dass ein scharfer Geschmack zurückbleibe, der wahrscheinlich von einem Harze herrühre, dass sich wie eine Säure zu verhalten scheine, und von welchem das Stärkemehl durch das Alkali befreit werde. Der Stärkegehalt der Kastanie wurde von ihm und anderen Chemikern = 25 % gefunden. Außer dem eigentlichen Stärkemehl enthält die Kastanie aber noch andere stärkemehlhaltige und eiweißartige, sehr nahrhafte Bestandteile.

Bericht des Chemikers Hermbstädt über Inhaltsstoffe der Roßkastanie und Verwendung (Stärke, Öl, Alkohol, Kleister, Farbe)

Der berühmte Professor und Chemiker Hermbstädt widmet in seinem Bulletin des Neuesten und Wissenswürdigsten aus der Naturwissenschaft, Bd. 3, S. 341 u.ff. diesem Gegenstande ebenfalls einem Folgendem seine Aufmerksamkeit:

Die Rosskastanie, heißt es dort, empfiehlt sich durch die Schönheit des Baumes der Blüte und den reichen Ertrag der Früchte so sehr, dass es längt die Mühe wert war, solche einer genaueren Untersuchung zu unterziehen.

Die reifen, trockenen Früchte der Rosskastanien, befreit von der äußeren braunen Hülse, enthalten in 12 Loth folgende  nähere Bestandteile:

 

Die Erfahrung lehrt, dass in 1 Pfund lufttrockener Rosskastanien 25 Loth mehliger Kern und 7 Loth äußere braune Hülse enthalten sind, und der Berliner Scheffel Lufttrockener Rosskastanien 62 1/2 Pfund Kern und 17 1/2 Pfund Hülse enthalten.

Da nun aus 12 Loth derselben 4 Loth 1 Quäntchen Stärkemehl gewonnen werden können, so folgt daraus, dass aus jedem Scheffel derselben ungefähr 23 Pfund Stärkemehl gewonnen werden könne, welches das Pfund zu 2 Groschen gerechnet, dem Scheffel Kastanien einen Wert von 1 Taler und 22 Groschen gibt.

Zur Darstellung der Stärke aus den Rosskastanien ist nichts weiter nötig, als sie zu schroten, das Schrot mit Wasser auszukneten und die daraus niederfallende Stärke gut auszusüßen und zu trocknen. Die Kosten, welche darauf verwendet werden, werden durch den Abfall der übrigen Bestandteile, die zu Viehmast tauglich sind, sehr reichlich ersetzt. Außerdem, dass die Rosskastanie sich zur Herstellung der Stärke ganz vorzüglich qualifiziert, ist sie auch noch mancher andern Nutzanwendung fähig, sowie sie auch wirklich schon in früheren Zeiten oft genug empfohlen worden ist, wenn gleich man die wohlgemeinten Vorschläge in Hinsicht dieser Frucht nicht gehörig benutzt hat. 

Schon früher sind die Rosskastanien empfohlen worden, 1) um fettes Öl daraus zu bereiten, 2) um einen für die Buchbinder brauchbaren Kleister daraus zu bereiten, der dem Insektenfraß widersteht; 3) um sie mit Wasser angebrüht säuern zu lassen und die Säure zur Reinigung der eisernen Bleche statt des Essigs anzuwenden; 4) um sie statt der Seife zum Waschen wollener, leinener und baumwollener Zeuge zu benutzen und wollene Zeuge damit zu walken.

Ich selbst habe gezeigt (s. Hermbstädts Archiv der Agrikulturchemie, 2. Band), dass sie gebraucht werden können, um Branntwein daraus zu bereiten. Herr Bauquelin hat bewiesen, dass sowohl die Früchte, als die grünen Fruchtschalen, wenn sie verbrannt werden, einen sehr reichlichen Gehalt an Pottasche darbieten. 1000 Pfund dieser Früchte liefern etwa an 32 Pfund Asche und aus 1000 Pfund dieser Asche werden durch Auslaugen und Kalzinieren der eingedickten Lauge 400 Pfund sehr gute Pottasche gewonnen. Die grünen Fruchtkapseln hat man zum Vorteil zur Herstellung brauner Farben auf wollene Zeuge (s. Hermbst. Magazin für Färber, 7. Band) angewendet, und von der Rinde der jungen Zweige macht man seit einiger Zeit einen sehr nutzbaren Gebrauch, als Stellvertreter der Chinarinde in der Arzneikunst.

Herstellung von  Holz- und Pottasche

In demselben Werke, Bulletin des Neuesten, 3. Band wird auch die Benutzung der Rosskastanie zur Fabrikation der Holz- und Pottasche in Folgendem aufgeführt:

Eine reich mit Kali versehene, also scharfe Holzasche, sowie eine gute reine Pottasche, sind Bedürfnisse, die kein kultivierter Staat entbehren kann. Die Bleichereien, die Wäschereien und die Walkereien, die Färbereien, die Seifensiedereien, die Glashütten, die Salpeterfabriken und so viele andere wichtige Manufakturanstalten gebrauchen jährlich eine ungeheure Masse, teils Holzasche, teils Pottasche. Die bisherige Fabrikation der Pottasche, die einen der bedeutendsten Handelszweige ausmacht, aus dem Holze selbst, wozu man in holzigen Gegenden ganze Waldungen verwendet, ist eine der zweckwidrigsten, denn es gehören Jahrhunderte dazu, bis eine volle Waldung heranwächst, deren Ertrag an Pottasche immer nur gering bleibt, und wir sehen schon jetzt, dass viele nördliche Gegenden, die sonst in der Produktion der Pottasche unerschöpflich zu sein schienen, Mangel daran zu leiden anfangen, welches den jetzt so enorm hohen Preis der Pottasche notwendig hat nach sich ziehen müssen. Um die Waldungen zu schonen und dadurch den nötigen Bedarf der Pottasche herbeizuschaffen, gebietet uns die Natur selbst, diejenigen Mittel zu ergreifen, welche als die zweckmäßigsten dazu dienen können.

Die Natur bietet uns in der Frucht der Rosskastanie, deren Baum, obgleich er aus Asien abstammt, dennoch in unserm Klima so sehr naturalisiert ist, dass er zu den einheimischen Gewächsen gezählt werden muss, ein sehr schickliches Mittel dazu an. Er wächst ziemlich schnell, kommt gut fort, ist dem Eifrigen nicht leicht unterworfen, produziert fast jährlich reiche Früchte und sein Holz ist für die feineren Tischlerarbeiten beliebt.

Die Früchte dieses Baumes, nämlich die Rosskastanien nebst ihren grünen Fruchtkapseln, sind es vorzüglich, welche, wenn sie verbrannt werden, einen reichen Gehalt an kalireicher Asche darbieten, woraus die reinste und schönste Pottasche mit großer Ergiebigkeit produziert werden kann. Dieser Baum bleibt unbeschädigt, gewährt seinen Ertrag jedes Jahr aufs Neue und macht daher keine Zerstörung der Waldungen notwendig, die, um einen kleinen Teil Pottasche zu liefern, oft 150 bis 200 Jahre alt werden müssen.

Nach den darüber bekannt gewordenen Erfahrungen wissen wir, dass 1000 Pfund Buchenholz nur 58 Pfund Asche liefern und dass 1000 Pfund dieser Asche erforderlich sind, um 219 Pfund Pottasche zu produzieren. 1000 Pfund Eichenholz liefern zwar 135 Pfund Holzasche, aber 1000 Pfund dieser Asche geben nur 112 Pfund Pottasche. 1000 Pfund Nadelholz liefern im Durchschnitt nur 35 Pfund Asche und 1000 Pfund derselben nicht mehr als 132 Pfund Pottasche.

Ganz anders verhält es sich dagegen mit der Frucht der Rosskastanien: 1000 Pfund derselben liefern 32 Pfund Asche und 1000 Pfund dieser Asche produzieren 400 Pfund der feinsten Pottasche. 1000 Pfund der trocknen grünen Fruchtkapseln der Rosskastanien liefern 45 Pfund Asche und 1000 Pfund dieser Asche geben 378 Pfund sehr feine Pottasche.

Nehmen wir nun an, dass der Rosskastanienbaum angewendet würde, um die Gottesäcker auf den Dörfern und in den Städten damit zu bepflanzen, auch dass die Wege von einem Dorfe zum andern, sowie von einer Stadt zur andern, mit Rosskastanienbäumen bepflanzt werden, so ersieht man daraus, dass die Benutzung ihrer Früchte zur Asche und Pottasche eine sehr bedeutende Einnahme gewähren könnte.

Man bepflanze z.B. den Gottesacker einer großen Stadt, wovon mancher 30 Morgen zu 180 Quadratruten enthält, so mit Rosskastanienbäumen, dass jedem Baum ein Raum von 150 Quadratfuß gegeben ist, um seine Krone gehörig ausbreiten zu können, so wird jeder Morgen zu 180 Quadratruten Rheinl. 120 Bäume und einen Gottesacker von 30 Morgen 3600 Bäume fassen können.

Nun liefert ein jeder Baum, den darüber angestellten Erfahrungen zufolge, im Durchschnitt jährlich wenigstens einen Berliner Scheffel reiche Früchte und auch einen Scheffel grüner Fruchtkapseln. Folglich werden davon 3600 Scheffel Früchte und 3600 Scheffel Fruchtkapseln gewonnen werden.

Meiner Erfahrung zufolge wiegt ein Scheffel reifer Kastanienfrüchte im Durchschnitt 85 Pfund und ein Scheffel trockner Kapseln 20 Pfund, folglich können von einem Gottesacker zu 30 Morgen 306.000 Pfund oder 278 Zentner 90 Pfund, welche 279 Zentner gleichgesetzt werden können, an Früchten und 72.000 Pfund oder 654 1/2 Zentner Fruchtkapseln gewonnen werden.

Da nun einer andern Erfahrung zufolge 1000 Pfund Rosskastanien, wenn sie verbrannt werden 32 Pfund und 1000 Pfund Fruchtkapseln 45 Pfund Asche liefern, so können von einem 30 Morgen Quadratinhalt fassenden Gottesacker zusammen:

Pfund Asche gewonnen werden.

Wird diese Asche als solche verbraucht und, da sie die feinste Buchenasche in ihrer Reichhaltigkeit an Kali um das Doppelte übertrifft, der Scheffel, der 75 Pfund wiegt, beim Verlauf zu einem Taler in Anschlag gebracht, so kann aus solcher ein Wert von 173 Talern 18 Groschen gelöst werden. Wird aber jene Asche zu Pottasche verarbeitet, so können der vorher gegebenen Berechnung gemäß:

Pottasche gezogen werden, welche, wenn der Zentner auch nur zu 10 Talern in Anschlag gebracht wird, einen Wert von 490 Talern besitzen. Wie außerordentlich würde nicht der Betrag sein, wenn alle Gottesäcker in den Städten und den Dörfern mit Kastanienbäumen bepflanzt werden würden.
Noch mehr würde dies aber der Fall sein, wenn man auch die Landstraßen mit diesen Bäumen auf beiden Seiten bepflanzen wollte. Rechnet man für die Entfernung eines Baumes von dem andern 15 Fuß, so würde jeder auf beiden Seiten bepflanzte Weg von einer Meile, die Meile zu 24.000 Fuß gerechnet, 3200 Bäume fassen, die zusammen 3200 Scheffel Früchte und ebenso viel Fruchtkapseln produzieren werden.
Da nun der Berechnung zufolge 3200 Scheffel Kastanienfrüchte 8704 Pfund Asche liefern und aus diesen 3481 Pfund oder circa 35 Zentner Pottasche, und aus 3200 Scheffel Fruchtkapseln ca. 10 Zentner Pottasche gewonnen werden können, so kann davon, der Zentner zu 10 Taler gerechnet, ein Wert von 450 Talern gezogen werden.

Demnach würde also der Weg:

jährlich abwerfen, wenn jene Wege mit Kastanienbäumen bepflanzt und die Früchte und Fruchtkapseln zu Pottasche verarbeitet würden. Welcher Gewinn ließe sich also nicht erwarten, wenn alle Landstraßen, sowie alle Wege von einem Dorfe zum andern mit diesen schönen Bäumen bepflanzt würden?


Man begreift leicht, dass der Ertrag, den man aus den Kastanien ziehen kann, bei Weitem nicht so groß ist als der aus den Ebereschenbäumen, wenn diese die Wege anstatt der Pappeln bepflanzt würden; aber auch jener Ertrag der Kastanienbäume ist bedeutend genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, zumal daraus hervorgeht, dass auf diesem Wege der ganze Staat seinen Bedarf an Pottasche produzieren könnte, ohne die Verbrennung auch nur eines einzigen Baumes nötig zu haben. Bei alledem würde die Pottasche zu einem so günstigen Preise dargestellt werden können, wie man selbige nur in den wohlfeilsten Zeiten haben konnte.

Berliner Botanische Zeitung – Herstellung von Stärke, Seife und Farbe

Nach einer Mitteilung in der Berliner Botanischen Zeitung vom 6. Januar 1854 bereitet der Geh. Registrator Klose in Berlin jetzt auch aus dem Kern der Kastanie Stärke, aus deren Lauge Seife und aus der Schale eine schöne Farbe, und bezahlt den Scheffel Kastanie mit 8 Silbergroschen.

Kastanienextrakt als Ersatzmittel für Galläpfel

Nach Dorstelle kocht man geraspeltes oder geschnittenes Kastanienholz, sowie Kastanienschalen, wiederholt mit Wasser aus, dunste den Absud ein und lasse ihn dann an der Luft vollends austrocknen. 20 Pfund Holz geben 48 Loth trockenen Extrakt der braunrot, von glasartigem, glänzendem Bruch, säuerlich zusammenziehendem Geschmacke ist, und sich nur schwer in kaltem, aber leicht in heißem Wasser löst. Bei der Türkisch-Rothfärberei reichen 8 Loth Extrakt für 5 Pfund Garn hin und machen die Farbe noch glänzender als die Galläpfel..

Kastanie als Waschmittel bzw. Seife

Das Rosskastanienmehl ist auch ein vortreffliches Waschmittel für diejenigen, welche bei ihrer Arbeit die Hände sehr beschmutzen, wie z.B. Schmiede, Schornsteinfeger usw.; es nimmt den Schmutz eher weg als selbst Seife und wirkt bei fettigen Händen auch geschwinder. Man braucht nur die Hände ins Wasser zu tauchen und damit ins Kastanienmehl zu greifen und sich damit zu waschen.

Literatur

  • Benutzung gesunder und kranker Kartoffeln, sowie der Roßkastanie zu Stärke und Stärkefabrikation, von Louis von Wolff aus Krischa in der Preuß. Oberlausitz. Berlin, 1852, F. Schneider u. Comp.
  • Hebenus, Stadtgerichtsarzt Dr. J. E., die ROßkastanien und deren in allgem. Anpflanzung bedingte national-ökonom. Bedeutung, in Bezug auf Stärke-Erzeugung, Branntweinbrennerei und als Nährstoff. Ergebnisse einer Reihe, im Auftrage d. K. G. Ministerii des Innern unternommener Versuche. Freiberg, 1848, Reimmann, geh. 12 Silbergroschen.
  • Bochmann, Proviantverwalter, Frd. Ferd. Ed., über die Benutzung der Roßkastanien und Eichen in staatsökon., medizin., gewerbl. und hauswirtsch. Hinsicht. Nebst einer Anleitung zur Anpflanzung dieser Bäume. Mitgeteilt auf Grund prakt. Erfahrungen und wissenschaftlicher Quellen. Bautzen, 1848, Helfer, geh. 12 Silbergroschen.

Maßeinheiten

Die folgenden Maßeinheiten sind nur gewagte Angaben. Damals gab es viele verschiedene Maße in Abhängigkeit von der Örtlichkeit. Da nicht jedem Textabschnitt zu entnehmen ist, wo und mit welchem Maß dieser verfasst wurde, sind folgende Angaben nicht verlässlich:

*Simri: Ein Hohlmaß zum Messen von Getreide. Hier vermutlich gemeint: 22 Liter.
*Zuber: Hiermit ist ein Trog gemeint
*Metze: Ein weiteres Hohlmaß zum Messen von Getreide. Vermutlich sind hier (nach sächsischem System) ~ 6,5 Liter gemeint.
* Tralles: 1,03 ° Tralles ~ 1 Vol.-% Alkohol.
*Quart: 1 Berliner Quart = 1,17 Liter
* Loth: 1 Loth = ca. 15 g
* Scheffel: 1 Scheffel, hier vermutlich 75 Pfund

Abbildung Kastanie: Otto Wilhelm Thomé:  Flora von Deutschland Österreich und der Schweiz (1885). Digitalisiert von biolib.de

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Brotersatz in Zeiten der Not


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Das Projekt Uropas Bauerngarten rettet altes und wertvolles Wissen, in dem es historische und in Vergessenheit geratene Bücher rund um die Themen Garten, Haushalt und Küche digitalisiert und von der damals üblichen Frakturschrift in eine leichter lesbare Schriftart übersetzt. Bitte beachten Sie, dass wir keine Garantie für die Richtigkeit und Vollständigkeit des abgedruckten Inhaltes geben können. Auch ist dieser weder durch uns geprüft, noch nach heutigen Standards auf die sachliche Richtigkeit bzw. Durchführbarkeit kontrolliert. Sie sollten die Informationen daher lediglich als historischen Abdruck mit Übersetzung und nicht als Handlungsanweisung verstehen. Die Anwendung bzw. Weitergabe der Inhalte geschehen in eigener Verantwortung.

2 Antworten auf „Die Benutzung der Kastanien“

Das hier ist genial. Ich denke, ich werde einiges ausprobieren.
Färben: Soviel ich weiß, muss man beim Färben mit Kastanienhüllen und Kastanienblättern die Wolle auch nicht vorbeizen, denn es sind genügend Gerbstoffe vorhanden, die in die Fasern eindringen können, ähnlich wie bei den äußeren Schalen der Walnüsse und Walnussblättern. Auch Eichelblätter färben direkt, ohne Beize.

Hallo Bine. Danke für den Hinweis zum Färben mit den Kastanien.

Ob heute alles so umsetzbar ist weiß ich leider nicht, aber der Artikel ist sehr ausführlich und ich denke es lohnt sich, einiges auszuprobieren. Insbesondere der Punkt Alkoholherstellung aus Kastanien würde mich selbst am meisten interessieren.

Lieben Gruß,
Franz

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