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1899 Böttner: Gartenbuch für Anfänger Garten anlegen Grundlagen für Anfänger

Gute und schlechte Lagen

Woher weiß man, ob sich ein Grundstück für die Einrichtung eines Gartens eignet oder nicht? Es gibt ein sehr einfaches Mittel, um zu beurteilen, ob der Garten eine Lage hat, die für Gartenkulturen geeignet ist…

Ein historischer Auszug von: Johannes Böttner, Chefredakteur des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau. Aus: Gartenbuch für Anfänger (1899).

Gute und schlechte Lagen

Wer einige Jahre am Rhein oder am Mai oder sonst in einer Rebweingegend verlebt hat, kennt die Bedeutung der Sonnen- und Schattenseiten, auch für den Gartenbau. In Gegenden, die keinen Weinbau treiben, tritt diese Bedeutung mehr zurück. Sie ist vielleicht in mehr ebenem Gelände auch nicht ganz so wichtig, als in bergigen. Aber wir können uns ja einmal kurze Zeit über den Gegenstand unterhalten. Vielleicht erfahren wir dann doch, dass es auch fern vom schönen Rhein gute und schlechte Lagen gibt, gute und schlechte Lagen für den Gartenbau.

Die liebe Sonne sendet zwar ihre erwärmenden Strahlen gleichmäßig zur Erde herab. Sie treffen nur nicht überall gleichmäßig hin. Die geringste Bodenbewegung verursacht abweichende Erwärmung und Beleuchtung. Baumpflanzen, hohe Gebäude, selbst wenn sie so weit entfernt stehen, dass ihr Schatten im Sommer nicht bis in den Garten reicht, beeinflussen ihn dennoch. Die mannigfachsten Lagen und Verhältnisse können da eintreten. Verhältnisse, die sich gar nicht genau auseinandersetzen lassen, die wir aber bei längerem Aufenthalt im Garten empfinden, die wir auch durch ihre Einwirkungen auf die Pflanzen spüren. Auch der Wind weht hier anders als dort. – Im freien Felde wird in der Regel eine weitere Fläche von Windrichtung und Stärke ziemlich gleichmäßig bedacht. In dem durch allerhand Gegenstände beeinflussten Gärtchen herrscht bald in jeder Ecke eine andere Luft. Hier zugig und unangenehm – das sind die schlechten Lagen. Dort milde und wohltuend – das sind die guten, geschützten Lagen. Dort unangenehm, beklemmend und dumpf – das sind die eingeschlossenen, gedrückten Lagen.

Die Umgebung einer Stadt wird von dieser selbst in günstiger und auch in ungünstiger Weise beeinflusst. Ungünstig ist in jeder Stadt der Rauch, der die Luft schlechter macht, sich auf den Blättern niedersetzt und in feinen Sporen (die Luft und Atmungswege in der Oberhaut der Blätter) verstopft. Am schlimmsten ist der Rauch von Fabrikstädten. – Sehr günstig dagegen der Schutz vor Winden und die größere Wärme, die sich im Süden und Westen der Stadt besonders bemerkbar machen. Gärten südlich einer Stadt sind im Durchschnitt 1 und 2 Grad wärmer als Gärten an der Nordseite, selbst in kleinen Dörfern herrschen diese Unterschiede. – Waldungen, Seen, Flüsse und Talsenken können in demselben Sinn günstige oder ungünstige lagen schaffen helfen. Der Feuchtigkeitsgehalt und die Beschaffenheit der Luft ist verschieden, je nachdem der Garten auf der Höhe, am Berghange, in der Tiefe liegt. Je kleiner die Gärten sind, um so kleinlichere Umstände erlangen Bedeutung. Der Nachbar, der an der Nord- oder Nordwestseite eine Stallung baut, schafft uns eine brillante, warme Lage. Einem anderen aber wird die gute Lage verdorben durch den bösen Willen des südlichen Nachbars, dessen Bäume mit jedem Jahre höher werden.

Es gibt ein sehr einfaches Mittel, um zu beurteilen, ob der Garten eine Lage hat, die für Gartenkulturen geeignet ist. Da, wo wir selbst Luft und Sonne angenehm finden, da wo uns eine milde behagliche Luft umgibt, behagt es auch unseren Pflanzen; da, wo wir uns ungemütlich fühlen, behagt es ihnen nicht. Eine derartige Beurteilung darf allerdings nicht durch Wetter und Stimmung beeinflusst werden. Es müssen gute und schlechte Tage vorübergehen, ehe ein rechtes, sicheres Urteil gefällt werden kann.

Natürlich gibt es für die grundverschiedenen Pflanzen keine Normallage. – Mit einer guten Lage meinen wir die, welche so nahezu für alle wichtigen Gartengewächse leidlich passt. Den Alpenpflanzen gefällt die Eiskellerlust, die in einigen sonderbar belegenen Gärten zuweilen herrscht, und dem Kaktus behagt es am besten in der dürren Wüstensonne. Das ist ja gerade das Angenehme, dass wir auch für die unglücklichsten Lagen schließlich immer noch Gewächse finden, denen es dort gefällt.

Ich will mit diesen etwas verwickelten Geschichten den Anfänger nicht weiter belästigen. Ich will ihn nur bitten, auf „gute Lage“ zu achten, wenn er sich einen Garten sucht. Ist aber der Garten durch die Verhältnisse gegeben, dann möge er sich nicht entmutigen lassen durch Misserfolge, die in der Lage begründet sind. Er sei nicht unglücklich darüber, wenn ein anderer bei viel geringer Sorgfalt aber unter günstigeren natürlichen Verhältnissen mehr und Besseres erzielt als er. Ein jeder suche seinen Garten so gut als möglich auszunutzen und sei zufrieden mit dem, was der Garten bei den höchsten Anstrengungen ihm bietet. Wer seinen Garten richtig kennt, kann in der Regel doch recht viel erreichen.

Sonderbarerweise habe ich selbst Gärtner gefunden, die für das Eigenartige der verschiedenen Örtlichkeiten kein Verständnis entwickelten. Sie hatten nicht gelernt, mit ihren Pflanzen zu fühlen. Es waren Schablonenmenschen, die für ihre Erfolge und Misserfolge keine Verantwortung trugen. – Solche Leute wundern sich auch schließlich, dass sie an dieser oder jener Stelle nicht mehr die gleichen Erfolge erzielen wie in früheren Jahren und bemerken gar nicht einmal, dass in der Zwischenzeit Bäume in der Nähe viele Meter hoch herangewachsen oder Gebäude neu errichtet worden sind, die die vorderm gute Lage in eine schlechte verwandelt haben. Es ist schließlich immer Sache des richtigen Gefühls, günstige Lagen herauszufinden.

Wir sind auch vorwiegend auf unsere praktische Übung und Erfahrung angewiesen, wenn wir unsere Kulturen den örtlichen Verhältnissen, der Lage, dem Klima unseres Gartens richtig anpassen wollen. In diesem Anpassen an die Verhältnisse beruht ein großer Teil der Gartenerfolge. Wie notwendig ist es, sich den Verhältnissen anzupassen, wird bald auch der Anfänger merken, der vorläufig nur nach Regeln arbeiten kann, den aber leicht die besten Regeln irreführen. Wer verspricht, ein Rezept zu geben, nach dem überall gearbeitet werden kann, versteht herzlich wenig von der edlen Gärtnerei.

 

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